Oberbilker Geschichtsinitiative

Aktion Oberbilker Geschichte(n) e.V.

Foto: Im Uerige am Oberbilker Markt 2020

Gründung des Trägervereins der Oberbilker Geschichtsinitiative „Aktion Oberbilker Geschichte(n)“ am 30. 1. 2020: Gründungsmitglieder (v.l.n.r.): Caroline Authaler, Marina Lukas, Helmut Schneider, Uwe Warnecke. Dirk Sauerborn, Marko Siegesmund, Raimund Klingner, Thomas L.H. Schmidt, Dieter Sawalies, Katja Goldberg-Hammon, Conny Häusler

Der Verein „Aktion Oberbilker Geschichte(n)“ ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein. Spenden sind steuerlich abzugsfähig. Eine entsprechende Spendenquittung stellen wir gern aus.

Kontoverbindung:
Volksbank Düsseldorf Neuss eG
IBAN: DE94 3016 0213 0058 3960 10
BIC: GENODED1DNE


Kontakt
:
Aktion Oberbilker Geschichte(n) e.V.
c/o Dr. Helmut Schneider (Sprecher des Vorstands): helmut.schneider@uni-due.de




Oberbilk – ehemaliges Industrie- und Arbeiterviertel und multikulturelles Quartier

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war das Gebiet des heutigen Düsseldorfer Stadtteils Oberbilk ländlich geprägt, weniger als 1.000 Menschen lebten hier. Es fanden sich hier vor allem Bauernhöfe und kleine Handwerksbetriebe. Ein lokalgeschichtlich prominenter Ort war die 1238 erstmals erwähnte Hundsburg, ein kleines 1943 zerstörtes Anwesen am Rande des heutigen Volksgartens, das Heinrich Heine in seinen Memoiren erwähnt. (Information Benedikt Mauer, Leiter des Stadtarchivs).

Gedenkstein am Standort der Hundsburg am Südrand des Volksgartens, Foto: Schneider 2020


Oberbilk als Industrie- und Arbeiterviertel ist erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Die ersten Unternehmer kamen nicht aus Düsseldorf, sondern aus frühindustrialisierten Regionen wie Wallonien oder dem Mittelgebirgsraum der Eifel, der bereits durch eine handwerklich-protoindustrielle Eisenverarbeitung geprägt war. In der Residenz- und Verwaltungsstadt Düsseldorf selbst gab es keine nennenswerte Tradition des produzierenden Gewerbes.

Eisen- und Stahlerzeugung sowie metallverarbeitende Betriebe wie Maschinen- und Kesselbau prägten die Industrialisierung in Oberbilk. Die Unternehmer brachten nicht nur ihre Ingenieure und Techniker, sondern auch ihre Facharbeiter mit. Viele kamen aber auch aus weiter entfernten Regionen wie z.B. Irland oder Polen. Als Folge war die Bevölkerung des Quartiers von Beginn an durch ein Mit- und Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen geprägt. Das verbindende Element war die geteilte soziale Lage, die Arbeit in den Fabriken des Stadtteils. 1885 war die Einwohnerzahl Oberbilks bereits auf 11.800 angestiegen, und mit ca. 32.000 erreichte sie kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ihren Höchststand.

Heute leben im Stadtteil Oberbilk wieder rund 30.000 Menschen. Davon haben fast 56 % eine Migrationsgeschichte. Mit dem Zuzug von „Gastarbeitern“, von Arbeitsmigranten und Flüchtlingen hat sich die multikulturelle Bevölkerungszusammensetzung bis heute erhalten. Aber heute fehlt das verbindende Element der gemeinsamen Arbeit in den Fabriken. Die Industrie ist verschwunden und damit werden die Unterschiede zwischen den „vielerlei Kulturen“ sichtbarer und auch anders erlebt. 


Geschichte im Stadtbild erleb- und erfahrbar machen

Die Oberbilker Geschichtsinitiative und ihr Trägerverein „Aktion Oberbilker Geschichte(n)“ haben sich zum Ziel gesetzt, die Geschichte des Stadtteils an ausgewählten „historischen Orten“ im Quartier erfahrbar und erlebbar zu machen. Wie das gelingen kann, obwohl z.B. aus der industriellen Vergangenheit kaum noch Spuren im Stadtbild sichtbar sind, gehört zu den Herausforderungen, denen sich die Geschichtsinitiative stellen will. Nach ihrem Verständnis ist Stadtteilgeschichte auch weitaus mehr als Industriegeschichte. Damals war mit der Industrie und den zugewanderten Arbeitskräften auch „eine vielsprachige, fremdartige, künstlich geschaffene neue Welt aus vielerlei Kulturen“ entstanden, wie es der in Oberbilk geborene Schriftsteller Dieter Forte ausgedrückt hat. Geschichte umfasst deshalb nicht zuletzt auch die Geschichte der Zuwanderung, die den Stadtteil seit seiner Entstehung im 19. Jahrhundert geprägt hat und in anderer Form bis heute prägt.

Geschichte beginnt zudem nicht erst ab einem bestimmten Zeitpunkt, sie reicht vielmehr bis in die Gegenwart. Jeden Tag wird aufs Neue Geschichte gemacht! Darüber hinaus werden historische Ereignisse und Fakten von den Menschen je nach Lebenslage und Interessen sehr unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert. Deswegen existiert nach unserem Verständnis Geschichte auch nur im Plural: Unbestreitbare Fakten wie z.B. die Existenz eines Stahlwerks auf dem Areal hinter dem Hauptbahnhof oder die Barrikaden der Spartakisten im April 1919 auf dem Oberbilker Markt spiegeln sich immer in einer Vielzahl von persönlichen Wahrnehmungen und erlebten Geschichten wider.

Diese Geschichten wollen wir über Gespräche und Interviews mit Zeitzeugen, die aufgezeichnet und digital zugänglich gemacht werden sollen, lebendig werden lassen. Aber auch historische Quellen, in denen Zeitzeugen zu Wort kommen, sollen dazu herangezogen und ausgewertet werden. Ein wichtiges Anliegen dabei ist es, dass auch die Zuwanderer, die Menschen mit Migrationsgeschichte, die heute in Oberbilk die Mehrheit der Einwohner ausmachen, einbezogen werden, dass sie ihre Geschichten erzählen können und ihre Stimme gehört wird. Schließlich wollen wir auch jungen Menschen historische Themen nahebringen, indem wir verdeutlichen, wie sehr zurückliegende Entwicklungen auch das Leben im Hier und Jetzt beeinflussen: das umfasst alle Bereiche der Gesellschaft, von Stadtentwicklung und Städtebau über Wirtschaft, soziale und kulturelle Entwicklungen bis hin zur Politik.

Wir haben uns Einiges vorgenommen. Es wird sich nicht alles sofort realisieren lassen, aber wie jede große Reise beginnt auch unser Vorhaben mit dem ersten konkreten Schritt. Zur Diskussion stehen derzeit das Oberbilker Stahlwerk und der Oberbilker Markt als zwei „historische Orte“, an denen wir mit der Umsetzung unserer konzeptionellen Ideen starten wollen.


Historischer Ort: Das Oberbilker Stahlwerk

Auf dem heutigen Bertha von Suttner-Platz am Ost-Eingang des Hauptbahnhofs erinnert mit Ausnahme von zwei etwas versteckten und leider nur nachlässig gepflegten Hochreliefs nichts mehr an die Zeit, als hier das Oberbilker Stahlwerk stand – immerhin von 1864 bis zur endgültigen Aufgabe im Jahr 1979.

Das aus drei übergroßen Skulpturen bestehende, von dem Künstler Horst Antes geschaffene Kunstwerk in der Mitte des Platzes wurde zwar aus Edelstahlplatten der Firma Thyssen, dem langjährigen Eigentümer des Stahlwerks, geschnitten. Als Verweis auf die frühere Nutzung des Platzes war es vom Künstler aber wohl nicht gedacht. Es ist eher als Rätselbild zu Grundfragen menschlicher Existenz zu verstehen, dessen Sinn man sich selber erschließen muss.

Bertha von Suttner-Platz, Foto: H. Schneider 2020

Auf dem Bild unten ist eines der Reliefs am Ostausgang des Bahnhofs zu sehen, das zwei stilisierte Stahlarbeiter bei der Probeentnahme am Siemens-Martin-Ofen zeigt.

Oberbilker Stahlwerk 1955, Quelle: Stadtarchiv 5-8-2-001-016.0001

Carl Poensgen, Angehöriger der aus der Eifel stammenden Unternehmerfamilie Poensgen hatte das Stahlwerk 1864 zusammen mit Friedrich Giesbers gegründet, später kamen Angehörige der belgischen Unternehmerfamilie Piedboeuf als Mitgesellschafter hinzu. Der hier produzierte Stahl wurde u.a. zu Eisenbahnschienen, Radachsen, Schiffs- und Turbinenwellen sowie zu Stahlröhren verarbeitet, im benachbarten Röhren- und Eisenwalzwerk an der Kölner Straße und ab 1923 auch im Röhrenwerk Reisholz. 1866 hatte das Oberbilker Werk 120 Beschäftigte, am Vorabend des 1. Weltkriegs waren es bereits 1.200 Arbeiter. 1906 wurde es von August Thyssen übernommen und war dann seit 1926 Teil der Thyssen-Bornemisza-Gruppe.

Das Oberbilker Stahlwerk blieb von der in den 1960 Jahren einsetzenden wirtschaftlichen Strukturkrise nicht verschont. Als das Unternehmen Anfang der 1970er Jahre von Mannesmann übernommen wurde, war die Stahlerzeugung bereits eingestellt worden. Schon im Jahr 1962, damals waren im Oberbilker Stahlwerk noch 1.100 Arbeitskräfte tätig, hatte sich das Unternehmen gegenüber der Stadt Düsseldorf verpflichtet, bis spätestens Ende 1986 das Werk zu räumen, die Aufgabe des Standorts wurde dann sogar vorzeitig bereits 1979 abgeschlossen. Damit war der Weg frei für ein neues Kapitel der Stadtentwicklung: Auf dem Gelände des Oberbilker Stahlwerks sollte dann in den 1980er Jahren die sog. City-Ost mit dem Bertha von Suttner-Platz entstehen. Die Oberbilker Bevölkerung erhielt im Zuge dieser Neugestaltung auch erstmals einen direkten Zugang zum Hauptbahnhof. Zuvor war der Bahnhof für die Bewohner*innen Oberbilks nur über den Umweg der Kölner oder Ellerstraße und durch die dunklen Unterführungen unter den Bahngleisen hindurch zu erreichen.

Quelle zur Geschichte des Oberbilker Stahlwerks: Wessel, Horst A. (2018): Stahlerzeugung in Düsseldorf. In: Mauer, Benedikt/Stahl, Ennno (Hrsg.): Düsseldorfer Erinnungsorte. Essen, 307-312.


Historischer Ort: Der Oberbilker Markt

Der Oberbilker Markt gilt als das historische Zentrum des Stadtteils. Seit 1874 ist er als rechteckige Aufweitung der Bogenstraße und einem annähernd quadratischen Marktplatz in den Stadtplänen erkennbar. Durch die Eisen- und Mindenerstraße führte eine Bahnlinie. Bereit um 1900 war der Platz durch städtische Bebauung eingefasst, allerdings war schon damals die Geschlossenheit des Platzes durch die Verkehrsachsen der Kölner und Kruppstraße gestört.


Wichtige historische Ereignisse auf dem Oberbilker Markt (ergänzen)



Das Schicksal von Moritz Sommer
Marina Lukas

Moritz Sommer wurde am 19. Juni 1872 in Leuthold bei Aachen geboren. Unmittelbar vor Kriegsende wurde er am 15. April 1945 von einer Heeresstreife in Düsseldorf ermordet und zur Abschreckung auf dem Oberbilker Markt an einem Lüftungsschacht aufgehängt. (Heeresstreifen standen zunächst unter dem Kommando der Wehrmacht, in Düsseldorf wurden sie Anfang April 1945 aber direkt dem NSDAP-Gauleiter unterstellt).

Moritz Sommer wohnte bis 1942 auf der Linienstraße 19. Dort wurde er oft von seinem Freund Heinrich Rondi, einem ehemaligen Weltmeister im Ringen und Stemmen, durch Warnzeichen vor Durchsuchungen gewarnt. Als sogenannter „Halbjude“ wurde Moritz Sommer vom nationalsozialistischen Rassenwahn bedroht. Durch seine Handwerkstätigkeit als Klempner, vorwiegend bei Bauern in Meerbusch, war die Versorgung seiner Familie mit Lebensmittelkarten gesichert. Moritz Sommer wurde während des Krieges zeitweise von Hubert Brauckmann in einem Holzhaus in Korschenbroich versteckt, um ihn vor der Judenverfolgung zu schützen. Kurz vor Kriegsende fiel er einer Heeresstreife in die Hände, die ihm vorwarf, Deserteuren geholfen zu haben. Am 15. April 1945 wurde der 72-jährige Moritz Sommer ermordet und zur Abschreckung auf dem Oberbilker Markt an einem Lüftungsschacht aufgehängt. Zwei Tage später marschierten amerikanische Truppen in Düsseldorf ein.

Der Schriftsteller Dieter Forte erzählt in seiner Romantriologie Das Haus auf meinen Schultern die Geschichte von Moritz Sommer. In seinem Buch nennt er ihn Opa Winter. 

Eine Gedenktafel und eine verpasste Chance
Helmut Schneider

An das Schicksal des 72-jährigen jüdischen Mitbürgers Moritz Sommer erinnert eine Tafel neben dem Eingang zum Polizeirevier auf dem Oberbilker Markt. Leider wurde der zu dem Bunker unter dem Platz gehörende Lüftungsschacht, an dem nach mehreren zeitgenössischen Schilderungen die Heeresstreife Moritz Sommer zur Abschreckung aufgehängt hat, im Zuge der Neugestaltung des Oberbilker Marktes nicht als Gedenkort erhalten. Der Bildhauer Bert Gerresheim hat aber diese Szene in dem von ihm geschaffenen Monument vor der nahegelegenen St. Josephs-Kirche festgehalten.

Gedenktafel für Moritz Sommer, Oberbilker Markt, Foto: H. Schneider
Detail aus dem St. Josephs-Monument von Bert Gerresheim, Foto: H. Schneider
Blick vom Oberbilker Markt auf das Haus der Wirtschaft und Industrie (HWI), Foto: H. Schneider 1996

Der Lüftungsschacht des Bunkers, der sich unter dem Oberbilker Markt befindet, ist auf der Aufnahme von 1996 noch zu sehen. Leider musste der Schacht der Neugestaltung des Oberbilker Marktes weichen.

Das Graffiti auf dem Schacht bezieht sich auf eine Protestkampagne, die sich in den 1990er Jahren gegen das ambitionierte Projekt eines „Internationalen Handelszentrums“ (IHZ) richtete, das auf der Industriebrache zwischen Bahnlinie, Kölner Straße, Eintrachtstraße und der Werdener Straße entstehen sollte, aber in der geplanten Form nie realisiert werden konnte – bis auf das „Haus der Wirtschaft und Industrie“ (HWI), das auf dem Foto zu sehen ist (vgl. die Karte im Oberbilk-Beitrag im Düsseldorf-Atlas, s.u.). Der Protest hatte sich nicht zuletzt daran entzündet, dass die z.T. alternativ genutzten, von den Eigentümern schon aufgegebenen Wohnhäuser entlang der Kölner Straße der geplanten Umgestaltung des Areals weichen sollten. Die Protestparole „IHZ nie“ hat auch auf dem Monument von Bert Gerresheim vor der St. Josephskirche seinen Niederschlag gefunden.

Detail aus dem St. Josephs-Monment von Bert Gerresheim, Foto: H. Schneider


Oberbilk – eine Welt aus vielen Kulturen

 
Helmut Schneider

„Oberbilk war die Welt … dieses Fleckchen Erde, das jahrhundertelang als Ödnis unter einem offenen Himmel lag, Sand und Gesträuch, einsames Gehölz und unbekannte Wege zwischen Morgen- und Abenddämmerung, Sonnen- und Regentagen, bis in einem Schöpfungsakt von wenigen Jahren aus diesem stillen, gottvergessenen Brachland ein vibrierender, feuerspeiender, ohrenbetäubender Ort entstand …“. Auf geradezu poetische Weise beschreibt Dieter Forte, der in Oberbilk geborene und aufgewachsene, im Jahr 2019 in Basel verstorbene Schriftsteller in seinem Roman „Das Muster“ (1992 als erster Band seiner „Tetralogie der Erinnerung“ erschienen) die Entstehung des ersten Industrie- und Arbeiterviertels Düsseldorfs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 

Für die damalige wirtschaftliche Entwicklung Düsseldorfs waren die Lage zwischen den schon früh von der Textilindustrie geprägten Städten Elberfeld und Barmen an der Wupper sowie dem Rhein als Verkehrsweg und die Nähe zu den Kohlezechen im Ruhrgebiet ausschlaggebend. Oberbilk bot für die Ansiedlung von Industriebetrieben ausgesprochen günstige Standortvoraussetzungen: Die Trassen der ersten westdeutschen Eisenbahnlinie von Düsseldorf nach Erkrath (1838) und Elberfeld (1841) sowie der Köln-Mindener Bahn (1845) verliefen durch den Stadtteil. Den Fabriken in Oberbilk bot sich damit die Möglichkeit eigener Gleisanschlüsse zum An- und Abtransport von Gütern. Am damaligen Rand des dicht bebauten Stadtgebiets bestand zudem kein Mangel an sofort verfügbaren freien Flächen. Leitbranche der Industrialisierung war die Eisen- und Stahlindustrie.

Die ersten Industrieunternehmer kamen allerdings nicht aus Düsseldorf, in der ehemaligen Residenz- und Verwaltungsstadt gab es keine nennenswerte Tradition des produzierenden Gewerbes. Unternehmer wie der aus Wallonien stammende Jaques Piedboeuf oder die aus der Eifel stammende Familie Poensgen, zu der auch der spätere Gründer des Oberbilker Stahlwerks Carl Poensgen gehörte,  brachten deswegen nicht nur Ingenieure und Techniker, sondern auch ihre Facharbeiter mit. Arbeitskräfte kamen aber auch von weiter her, aus Irland, England, Frankreich, Holland oder Polen. Arbeitersiedlungen entstanden in unmittelbarer Nähe der Fabriken, denn die Arbeitsstätten mussten fußläufig erreichbar sein. Diese kleinräumige Verzahnung von Arbeiten und Wohnen wirkt sich bis heute prägend auf die bauliche Struktur des Stadtteils aus. Zwar sind die Fabriken längst verschwunden und neuen Nutzungen gewichen, aber die Wohnbebauung hat sich vielfach an den früheren Standorten erhalten. So erinnert z.B. die Eifeler Straße noch an die Herkunft vieler Arbeitskräfte, die in den Fabriken der Poensgens an der Kölner Straße beschäftigt waren. Die aus unterschiedlichen Herkunftsregionen stammenden Arbeiter brachten ihre je eigene Sprache, Religion und Lebensart mit, sie pflegten ihre eigenen Feiertage und kulinarischen Vorlieben. Es entstand, um noch einmal Dieter Forte zu zitieren „eine vielsprachige, fremdartige, künstlich geschaffene neue Welt aus vielerlei Kulturen, eng zusammenlebend, den Gesetzen der Produktion folgend …“. 1885 war die Einwohnerzahl Oberbilks bereits auf 11.800 angestiegen, und mit ca. 32.000 erreichte sie kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ihren Höchststand. 

Phoenix Walz-und Röhrenwerke (Vereinigte Stahlwerke AG, ehem. Düsseldorfer Eisen- und Röhrenwerke), um 1930, Quelle: Stadtarchiv 5-8-1-234_0007_0002

Ein gravierender Strukturwandel, der zum nahezu vollständigen Verschwinden der In-dustrie und zum Aufstieg eines neuen Dienstleistungssektors in Oberbilk führen sollte, setzte dann in den 1960er Jahren ein und verstärkte sich in den 1970er Jahren. Aber bis dahin hatte sich die industrielle Struktur des Stadtteils nicht wesentlich verändert. Zur Deckung des Arbeitskräftebedarfs im Nachkriegsboom mussten für die Fabriken in Oberbilk ausländische Arbeitskräfte angeworben werden. Die jetzt „Gastarbeiter“ genannten Arbeitskräfte, von denen wie ein Jahrhundert zuvor viele auf Dauer bleiben sollten, kamen nun aus Italien, Spanien und Griechenland, später aus Jugoslawien und der Türkei. Viele kamen auf der Suche nach besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen aus noch entfernteren Regionen, andere mussten als Flüchtlinge ihre Heimat verlassen und fanden in Oberbilk ein neues Zuhause. Heute leben im Stadtteil Oberbilk wieder rund 30.000 Menschen. Davon haben fast 56 % eine Migrationsgeschichte, weitaus mehr als im gesamtstädtischen Durchschnitt (knapp 42 %, Stand Ende 2018). 

Kinder veranstalten einen Zirkus – Sommerfest auf dem Lessing-Platz 2019
Foto: H. Schneider

Dieter Fortes Beschreibung einer „neuen Welt aus vielerlei Kulturen“, die in Oberbilk mit der Industrialisierung entstanden war, lässt sich ebenso gut auf die heutige Bevölkerungsstruktur beziehen – allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Das verbindende Element der gemeinsamen, durch die Arbeit in den Fabriken des Stadtteils geprägten Lebensweise ist heute verschwunden. Die Unterschiede zwischen den „vielerlei Kulturen“ werden sichtbarer und auch anders erlebt. Für das Zusammenleben im Quartier stellen sich damit neue Herausforderungen.

Oberbilks Geschichte hat gezeigt, dass ein zwar nicht immer konfliktfreies, aber von gegenseitiger Toleranz geprägtes Miteinander in Verschiedenheit gelingen kann. Diese historische Erfahrung erlaubt es, auch der Zukunft des Stadtteils mit Zuversicht entgegen zu sehen.

Erschienen in: 40/zwozwo/7 – Das Stadtteilmagazin der SPD-Oberbilk, 4/2020, aktualisiert 20.8. 2020



Oberbilk im Düsseldorf-Atlas


Die Wiedergabe der folgenden beiden Kapitel aus „Der Düsseldorf Atlas. Geschichte und Gegenwart der Landeshauptstadt im Kartenbild“ (Köln 2004), hrsg. von Harald Frater, Günther Glebe, Clemens von Looz-Corswarem, Birgit Montag, Helmut Schneider und Dorothea Wiktorin, erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Kölner Emons-Verlags.

Dargestellt wird im Beitrag von Helmut Schneider der Wandel des ehemaligen Arbeiterquartiers Oberbilk von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis zu den ersten Ansätzen der Gentrifizierung Ende der 1990er/Anfang der 2000er Jahre (vgl. Karte unten).

Dieser Wandel kommt in der Veränderung der Nutzungsstruktur der Stadtteilgeschäftsstraße Kölner Straße – im Volksmund auch „Arbeiter-Kö“ genannt – prägnant zum Ausdruck: Die Nutzung der Kölner Straße durch Einzelhandel und Dienstleistungen wird in dem Beitrag von Günther Glebe für die Jahre 1889 und 2004 vergleichend dargestellt. Dazu wurden die Adressbücher der Stadt Düsseldorf ausgewertet.







_______________________________________________________________
Verantwortlich für den Inhalt auf der Seite der Oberbilker Geschichtsinitiative: Helmut Schneider